1. Mai – oder – in Gedenken an die Großmütter…

Der 1. Mai steht weltweit für die Rechte der Arbeitnehmer:innen und gegen die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Nach wie vor, ist dieser Tag hochaktuell und nicht wegzudenken, aus den Feiertagen vieler Staaten.

Überwiegend geht es um die Rechte der Arbeiterklasse – was jedoch untergeht, sind die Rechte derjenigen, die den Tag nicht als Arbeitnehmer:in feiern, obwohl sie täglich bis an ihre Grenzen gehen.

Gemeint ist die sogenannte Care-Arbeit, die von vielen immer noch nicht gesehen oder anerkannt wird. Wieso auch, nach den traditionellen Rollenmustern hat die Frau den Haushalt zu führen, die Kinder zu erziehen, und – in meiner Kultur noch gelebt – die Pflege der Eltern oder Schwiegereltern zu übernehmen. Und all das für keinen Extracent.

Dass dies an die Substanz der Menschen geht, brauche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nicht sagen.

Heute möchte ich über eine Gruppe von Frauen sprechen, die es besonders schwer hatten. Es geht um die Frauen der Gastarbeiter, welche in den Herkunftsländern zurückgelassen wurden. Ich spreche hier bewusst von zurückgelassen, denn weder ihre Männer, noch die Staaten in denen ihre Männer arbeiteten, wollten diese Frauen zunächst bei sich haben (vgl. https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Anwerbeabkommen-Als-die-Gastarbeiter-nach-Deutschland-kamen,gastarbeiter121.html). So durften zunächst nur „unverheiratete Männer“ nach Deutschland einreisen. Unverheiratet vermutlich nur auf dem Papier, denn viele Ehen wurden damals nicht standesamtlich beurkundet. Erst Anfang der 1970er Jahre können die Männer ihre Frauen zu sich holen, doch nicht jeder tat dies.

Und so kam es, dass tausende Frauen in der Türkei (und sicher auch in anderen Ländern) zu quasi-alleinerziehenden Frauen wurden. Ihre Männer lebten oft über Monate in einem fremden Land, und ließen sie mit der Hausarbeit sowie der Erziehung der Kinder allein. Falls vorhanden, musste sie den Hof führen, oder, wenn sie durfte, einer Arbeit nachgehen. Und ganz nebenbei sollte sie dem Ehemann, der tausende Kilometer weiter lebte, auch noch treu bleiben. Multitasking auf allen Ebenen.

„Die Frau hat in der Ehe den Rücken des Mannes freizuhalten und ihn zu unterstützen“, hört man oft sagen. Doch wie weit kann und darf ein Rückenfreihalten eigentlich gehen? Und, vor allem, woher soll eine Frau, die oftmals als das schwächere Geschlecht dargestellt wird, denn all diese Kraft holen? Vom Himmel gefallen ist die Kraft jedenfalls nicht.

So mussten viele Frauen auf das Leben als „normale“ Familie und ihren Ehemann verzichten. Hierzulande ärgerte man sich über die vielen Einwanderer und gleichzeitig freute man sich über eine boomende Wirtschaft und steigenden Wohlstand.

Meine Oma war eine dieser Frauen, die von meinem Opa mit Mitte zwanzig zurückgelassen wurde. Einmal im Jahr brauchte er seinen gesamten Jahresurlaub auf, und fuhr in das kleine kurdische Dorf in Zentralanatolien. Einmal im Jahr, für einen Monat, konnten die Familienmitglieder das Leben einer normalen Familie genießen, oder zumindest so tun. Danach wurden die Kinder wieder vaterlos, und die Oma wieder zu einer quasi-alleinerziehenden Mutter, die wieder alles stemmen musste. Jahr für Jahr dasselbe.

Woher sie die Kraft nahm, kann wohl kaum jemand sagen. Ich nehme an, dass sie keine Zeit hatte, sich über ihre Kraftspender Gedanken zu machen. Sie musste einfach funktionieren, und so etwas wie Burnout kannte sie nicht und gab es auch nicht. Nicht in den 1980er Jahren, nicht in Zentralanatolien. Ihren Frust und ihre Traurigkeit wird sie sicher jede Nacht in Tränen eingepackt, und dem Kopfkissen überlassen haben. Am nächsten Tag wurde die Krone – hier in Form eines Kopftuches – wieder aufgesetzt, und weitergemacht.

Wenn wir also an einem 1. Mai auf die Straßen gehen, sollten wir auch an all jene starken Frauen gedenken, ohne die unser Wohlstand hier, nicht möglich gewesen wäre. #starkeFrauen

PINAR

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