Morgenstund und gold im Mund

„Du blöde Hexe, geh mir sofort aus dem Weg! Ich muss zur Arbeit fahren!“, hätte ich gern gesagt, tat es aber dann doch nicht. Stattdessen bedankte ich mich höflich bei der Frau, die an einem Wochentag vor meinem Auto stand.

Ich muss dazu sagen, dass es etwa 06:30 Uhr am Morgen war, und ich gerade versuchte, mein Auto aus einer engen Parklücke herauszubekommen. Wie es in der Großstadt halt ist – zuparken oder zugeparkt werden.

Und um diese unchristliche Zeit wollte mir eine wildfremde Frau, deren Alter ich auf etwa 50+ schätze, erklären, dass es in der Straße bald eine Baustelle geben würde.

Grundsätzlich nett gemeint, aber irgendwie, und in Anbetracht der Umstände total daneben. Was soll ich mit dieser Information so früh am Morgen denn anfangen?

Folgende These stelle ich auf: von klein auf wachsen wir mit dem Wissen auf, dass es das gesprochen Wort ist, welches dazu führt, dass Konflikte entstehen. Menschen geraten immer dann aneinander, wenn sie ihre Gefühle unterdrücken, und sie irgendwann aus einem herausplatzen. Auch passiv aggressive Verhaltensweisen sowie längeres Schweigen zähle ich hierzu.

Worüber aber niemand sofort denkt ist, dass es das nicht ausgesprochene Wort ist, was den Weltfrieden sichert. Nicht umsonst stellte mal jemand fest, dass Reden Silber, und Schweigen Gold ist.  

Einige Tage nach meiner morgendlichen Routineunterbrechung unterhielt ich mich mit meinen Schwestern über komische Menschen, die uns im Alltag begegnen, und ich erzählte ihnen die Geschichte mit der Frau. Dann sagte eine der beiden den entscheidenden Satz: „Die Leute meinen es ja nur gut mit einem, aber sie merken nicht, dass sie dabei Grenzen überschreiten.“

Und genau das ist es. Die Covid-19-Pandemie hat in den Menschen etwas hervorgerufen, dass vorher versteckt oder gut unterdrückt war. Seit 2020 sind viele Menschen egoistischer, rüpeliger, unruhiger geworden und manche können es nicht sein lassen, andere zu belehren.

Da ist die „gut angetrunkene“ Frau, die in der Tram migrantische Jugendliche aufs Übelste beschimpft, weil diese ihre Füße auf den Sitzen haben. Oder der Mann im Fitnessstudio, der meinte mir erklären zu müssen, dass man den Zirkel nach Nummern trainieren muss – man bedenke… der Zirkel ist NUR IN DEM EINEN Studio durchnummeriert. Aber, als älterer Mann kann man einer jüngeren Frau ja noch was sagen dürfen. Insbesondere dann, wenn sie falsch trainiert.

Oder aber UND HIER KÖNNTE IHRE GESCHICHTE STEHEN denn auch Ihnen fällt sicher eine Situation aus den letzten Wochen ein 😉

Das sind alles keine normalen Menschen oder normalen Situationen, werden Sie sich vielleicht denken. Das Gefühl habe ich jedoch nicht. Gerade die nach Außen normalsten Menschen können sich derartige Aktionen am ehesten erlauben.

Durch die ständige Grenzüberschreitung wildfremder Menschen bin ich – und da bin ich sicher nicht alleine – maximal genervt und lasse es das Gegenüber mindestens durch ein heftiges Augenrollen auch zu verstehen.

Aber… und jetzt komme ich wieder zum Ausgangspunkt. Nur weil ich genervt bin, spreche ich nicht immer alles aus. Sie merken, auch damit meine ich nicht nur mich, sondern auch Sie.

Und genau das ist es, was uns allen den Frieden auf Erden sichert. In der hinsicht  sind wir alle Alltagsheld:innen!

Durch ein genervtes oder manchmal verständnisvoll wirkendes Weglächeln gehen wir alle souverän mit den Alltagssituationen um. Würden wir alle wegen jeder noch so dummen Grenzüberschreitung nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich ausrasten, wäre keinem geholfen. Das heißt jetzt aber nicht, dass man sich jede unhöfliche Verhaltensweise eines bekannten oder unbekannten Menschen gefallen lassen muss.

Nein! Im Gegenteil, man kann nicht immer nichts sagen, und gesund ist es für uns alle sicher auch nicht. Gemeint ist eher die Art wie wir was sagen und uns mitteilen. Hätte ich der Dame nicht „ok Verstanden“ gesagt, sondern das oben erwähnte, wäre die Situation durchaus eskaliert.

Gegenüber einem Kollegen war ich vor kurzem aber dann doch sehr pampig. Das Drehkreuz am Eingang der Arbeitsstätte funktioniert nicht, obwohl zuvor zwei Kolleginnen problemlos durchkamen. ER wollte mir erklären, wie ich die Anlage zu bedienen hätte  – und ich habe es als Mansplaining aufgefasst. Wie denn sonst… das Drehkreuz kenne ich seit 2019 😉 Wie er so weiterging, schrie ich zurück und bedankte mich für seine lehrreichen Anweisungen. Vermutlich dachte er sich „undankbares Weib“ und ging weiter, ohne es auszusprechen.

Der Frieden, das Yin und Yang unter diesem Stück Himmel waren in dieser Minute wiederhergestellt.  

PINAR

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