Tanz der Regentropfen

Wann kommen einem Ideen, wichtige Gedanken und Inspirationen?

Beim Sonnenbaden etwa, wenn man das brutzeln der Haut unter den Sonnenstrahlen spürt?

Oder wenn wir auf der Wiese liegen, in den Himmel sehen, und dabei die Wolken betrachten? Und wenn wir unter einem Baum liegen, beim Schauen auf jeden einzelnen Ast und jedes einzelne Blatt dieses Baumes?

Bei einem Spaziergang im Herbst etwa, wenn sich die gelben und roten Blätter vom Baum lösen und auf dem Weg zum Boden eine kleine Berührung an unserer Schulter hinterlassen?

Ist es abends auf der Couch, wenn wir den Ausklang des Tages genießen wollen und einem dabei die Langeweile einholt?

Gestern Abend saß ich auf dem Balkon. Es war ein heißer, frühsommerlicher Tag vorausgegangen und der Asphalt auf den Straßen war noch warm von der Sonne, die mittags auf sie schien.

Ich genoss die Wärme nach diesem langen Winter und dem Frühling.

In der Ferne sah ich ein Gewitter aufkommen. Kein tobender Sturm wie im Mai. Nein, die Gewitter im Juni sind anders, denn sie sind nicht der Kampf der Jahreszeiten um den Wechsel dieser. Vielmehr sind sie das Resultat von Reibungen von Atomen und von kalten und warmen Winden hoch über unseren Köpfen.

Ich genoss also die Ruhe vor dem Sturm und sah den Blitzen aus einer guten Entfernung zu.

Dann kamen die Regentropfen vom Himmel herunter; erst einzeln, dann zusammen. Und jeder einzelne Tropfen fand den Weg zum Boden. Einige machten einen Umweg über Autos, Bäume und deren Blätter. Nur diejenigen nicht, die auf meiner Hand landeten.

Erst ein Tropfen, dann mehrere.

Ich stand auf, lehnte mich leicht über das Geländer und ließ sie kommen, die vielen Regentropfen. Und jeder Einzelne von ihnen berührte mich wo anders – an meinem Nacken, meiner Stirn, meiner Nase, meinen Armen und Händen. Peng, peng, peng – nicht zu warm, und nicht zu kalt. So, wie ein Regen im Juni eben ist, erfrischend aber nicht abkühlend.

Ich musste an das Buch Am Himmel die Flüsse von Elif Şafak denken und schmunzeln. Wann, wo und wem waren diese Tropfen in all den Jahrtausenden, seit es Menschen gibt, noch alles begegnet?

Auf einmal kam der Geruch frischen Regens auf. Jener Geruch, der entsteht, wenn Wasser auf warme, trockene Erde und Asphalt trifft und den wir nur im Sommer erleben dürfen.

Ich genoss das ferne Gewitter mit allen Sinnen, hörte das Donnern in der Ferne und den Regen auf Asphalt und Dachrinnen tropfen.

Wie schön es doch wäre, wenn ich jetzt im Regen tanzen könnte!

Und auf einmal kam ein inspirierender Gedanke. Das Kind in mir wollte Spaß haben. Wir alle haben noch ein inneres Kind in uns, und das ist auch gut so. Ich finde wir vergessen, dass Kinder spielen wollen, und neugierig sind.

Meines jedenfalls langweilt sich manchmal sehr über die Erwachsenenthemen. Aber ich lasse es viel zu selten spielen. Wieso auch, es gibt immer viel zu tun, und alles ist wichtiger, als die Bedürfnisse des innderen Kindes. So wie gestern Abend… Ich hatte keine Lust auf einen Tanz auf der Straße um nass zu werden, und begnügte mich mit den wenigen Regentropfen, die ich auf dem Balkon abbekam.

Was denken Sie, möchte Ihr inneres Kind am Liebsten tun?

Sie müssen nicht erst im Juni-Regen stehen, ums sich dessen bewusst zu werden.

Pınar

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