oder… warum es gut ist, viele zu hinterfragen
Vor einigen Tagen habe ich einen Breathworking Kurs besucht (Wellpass machts möglich). Zuvor kam ich mit einem der Teilnehmer ins Gespräch und irgendwie nahm das Ganze eine etwas bizarre Wendung an, und am Ende sprachen wir über die Bestimmung eines Menschen bzw. sogenannte „Seelenverträge“.
Wenn man lange genug auf Insta unterwegs ist, begegnet das einem sicher irgendwann.
Microsoft Copilot definiert den „Vertrag“ wie folgt:
„Ein Seelenvertrag ist ein spirituelles Konzept, das davon ausgeht, dass unsere Seele vor der Geburt Vereinbarungen mit anderen Seelen trifft – über Begegnungen, Beziehungen, Herausforderungen und Lernprozesse im Leben. Diese Verträge sollen dazu dienen, persönliches und spirituelles Wachstum zu fördern.“ (Stand 26.09.25)
Folgende Inhalte können Seelenverträge haben:
- „Lebensaufgaben: Welche Erfahrungen und Lektionen du im Leben machen sollst.
- Beziehungen: Mit welchen Menschen du besondere Verbindungen eingehst – z. B. Seelenpartner, Familie, Freunde oder sogar „Feinde“.
- Herausforderungen: Schwierigkeiten, die du durchleben sollst, um zu wachsen.
- Zeitpunkt und Ort der Geburt: Manche spirituellen Lehren glauben, dass sogar diese Aspekte Teil des Vertrags sind.“
Bevor Du jetzt denkst, dass ich Dir einen Unsinn aufquatschen will… Lese bitte weiter!
Die Idee des Seelenvertrags mag meiner Meinung nach für „kleinere“ zwischenmenschliche Schicksale aufgehen (zum Beispiel Partner:innen-Wahl). Aber irgendwie ist und bleibt es ein Unsinn und sogar eine Beleidung an die Esoterik.
Der Gesprächspartner hat mir das Beispiel einer Frau mit einer Nahtoderfahrung genannt, die wohl als Kind heroinabhängiger Eltern früh gelernt hat, nichts wert zu sein, und auch Missbrauch erlebt hat. Die Frau wurde nach dem gemeinsamen Selbstmord ihrer Eltern auch abhängig und prostituierte sich. Irgendwann hatte auch sie eine Überdosis zu sich genommen, welche sie aber nicht tötete, sondern „nur“ in den Zustand des Nahtodes gebracht hatte.
Und genau dort – irgendwo zwischen Wahn und Wirklichkeit – will sie u.a. ihrem früheren Vergewaltiger begegnet sein. Jetzt kommt der Seelenvertrag ins Spiel… Die beiden hätten sich so sehr geliebt, dass er sie als Kind hat vergewaltigen dürfen. (Ob die Geschichte sich so zugetragen hat, weiß ich nicht, ich gebe sie so wieder, wie ich sie gehört habe.)
An dieser Stelle hakte ich ein und fragte, ob er das denn wirklich glaube, und nach meinen Argumenten (s.u.) hat er wirklich erst einmal tief nachdenken müssen.
Wenn wir alles Gute und Schlechte, was uns Menschen auf der Welt widerfährt, mit angeblichen Seelenverträgen „rechtfertigen“ nehmen wir uns sämtliche Verantwortung für unser Tun und Handeln. Wir geben sie ab an ein angebliches ICH, das vor unserer Geburt etwas für uns im Hier und Jetzt entschieden haben will. Nur zu unserem Besten natürlich, denn wir sollen ja eine Lernerfahrung aus dem Leben mitnehmen.
Sämtliche Philosophen der Aufklärung und Neuzeit drehen sich bei dem Wort „Seelenvertrag“ vermutlich zurecht im Grab um. Und auch ich bin der Meinung, dass es völliger BULLSHIT ist.
Es folgen einige heftige Beispiele aus dem realen Leben, um meinen Gedanken näher zu erörtern:
- folternde und gefolterte Menschen,
- missbrauchende und missbrauchte Kinder* und Erwachsene,
- Mobbende und Gemobbte,
- Frauen und Männer, die von ihren Lebenspartner:innen seelisch und körperlich missbraucht werden,
- Menschen in Kriegsgebieten (direkt und indirekt beteiligte Kriegsparteien und Opfer),
- Geburtsschäden, Behandlungsfehler, Verkehrsunfälle mit Personenschäden…
Die Liste ist unendlich lang. Was all diese Beispiele gemeinsam haben ist, dass das Täter- und Opferbild auf den Kopf gestellt wird.
Auf einmal ist das Opfer kein Opfer mehr, sondern jemand, der/die diese „Erfahrung“ ausgesucht hat. Und den Täter:innen wird sämtliche Bösartigkeit abgesprochen; das Unrecht wird ausgehebelt. Am Ende sind die Täter noch die Opfer, weil sie den Seelenvertrag umgesetzt haben, gleich wie grausam dieser war.
Sie werden sich sicherlich fragen, wozu man denn dann noch Moral, Anstand und vor allem das Strafrecht noch braucht.
Wenn man unterstellt, dass Menschen vor dem Leben über ihr Schicksal entscheiden, und auch zulassen, dass ihnen Unrecht widerfährt, dann ist doch die logische Schlussfolgerung folgende:
Man ist an seinem persönlichen Unglück selber schuld, weil man es sich selbst ausgesucht hat bzw. für sich so entschieden hat. Zudem hat das jetzige ICH überhaupt keinen Einfluss auf das eigene Leben, denn das vorgeburtliche ICH hat ja alles so entschieden. Nichts hat man mehr in der Hand und selbst das frühmorgendliche Kaffeekochen musste so geschehen, und ist keine eigene Entscheidung.
Wie gesagt, BULLSHIT.
Es folgen ein paar reale Beispiele zur besseren Veranschaulichung:
- Kind wird von Panzer überrollt und zerquetscht -> Fahrer und Kind haben es so ausgemacht, es soll für beide eine Lektion sein, und Zuschauende haben im Zweifel auch am Seelenvertrag mitgewirkt…
- Millionen Menschen in Krisen- und Kriegsgebieten suchten sich vorab Armut, Tod und Flucht aus, weil sie es genau so gewollt haben…
- Menschen, die einen Kinderschänderring betreiben, haben ihre Opfer so sehr geliebt, dass sie sie hundertfach missbraucht haben oder sollten es so tun…
- emotionaler Missbrauch zwischen Paaren… war ja so gewollt,
- während der Folter werden dem Menschen Körperglieder abgetrennt, weil vorher so ausgesucht und abgemacht…
Ich habe Copilot gebeten, mir einige Beispiele für Seelenverträge zu geben. Im Ergebnis soll es dann um die Entwicklung der Persönlichkeit gehen. Erkläre das mal jemanden, der aus einem Krisen- oder Kriegsgebiet kommt, oder eben unter einen Panzer gekommen ist.
Immerhin hat Copilot folgendes erkannt und damit könnte man sagen, dass die KI hier Meisterarbeit geleistet hat:
„Don’t Forget: Ein Seelenvertrag ist kein Schicksal im Sinne von „festgelegt“, sondern eine Einladung zum Wachstum. Du kannst ihn bewusst leben, verändern oder sogar auflösen – je nachdem, wie du dich entwickelst.
Wenn du magst, kann ich dir helfen, mögliche Seelenverträge in deinem Leben zu erkennen – etwa durch Reflexion deiner wichtigsten Beziehungen oder Lebensmuster.“
Man muss nicht alles glauben, was einem im Netz oder in der Realität unterkommt. Und gerade, wenn Menschen, die einen gewissen Ruf in der Gesellschaft erarbeitet haben, dann mit derartigen Ansichten anfangen, ist umso mehr Vorsicht geboten.
* Die Bespiele mit Kindern sind zur besseren Veranschaulichung, und weil gerade Kinder in der Gesellschaft über keine Lobby verfügen. Kinderrechte sind auch nicht überall so ausgeprägt, wie in Europa.
** Das Beitragsbild ist KI generiert.
*** Ja, mich hat es so sehr genervt, dass ich gleich darüber schreiben musste. Im Internet und realen Leben kann man so viel Unsinn begegnen, und viele glauben daran, ohne es zu reflektieren. Um DICH zur Reflektion zu „zwingen“, musste ich einige heftige Beispiele wählen.

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