Ich habe lange überlegt, ob und in wie weit ich meinen Blog für politische Texte nutzen möchte. Eigentlich wollte ich die Politik hier fernhalten, denn sie umgibt uns ohnehin überall und jeden Tag.
Es ist ein Samstag Mitte/Ende Januar, ich bin erkältet und zappe durch die kurdischen Fernsehsender. Obwohl es viele unterschiedliche Sender gibt, ist das Thema überall gleich. Krieg in Ostkurdistan – Syrien. Seit Wochen wird die kurdische Bevölkerung von der syrischen Armee aus den selbstverwalteten vertrieben. Die Städte werden belagert und es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen der QSD und der syrischen Armee.
Als ob das allein nicht reichte, bemühte sich die syrische Armee darum, die von Kurd:innen überwachten Gefängnisse, in denen überwiegend IS-Anhänger gefangen waren, anzugreifen. Mit Erfolg. Die Gefängnisinsassen kommen raus und machen dort weiter, wo sie vor ihrer Inhaftierung aufgehört haben.
Zöpfe von Frauen aus den kurdischen Volksverteidigungseinheiten werden abgeschnitten, nachdem oder bevor man die Frauen umgebracht hat. Männlichen Kämpfern bzw. Soldaten werden Nasen und Ohren abgetrennt. Alles medienwirksam – omnipräsent auf TikTok und Instagram.
Die Gemüter in allen kurdischen Gebieten und auch in der Diaspora sind mehr als nur erhitzt. Zuschauende werden mit Gefühlen von Trauer, Wut und Ohnmacht darüber, nicht helfen zu können regelrecht überschwemmt.
Ich zappe weiter durch die kurdischen Nachrichtensender. Es werden aktuelle Videos von Frauen jeden Alters gezeigt, die spontan auf die Straße gegangen sind, um sich, ihre Kinder und ihr Hab und Gut zu verteidigen. Hier gilt nicht das Prinzip „rette sich wer kann“, sondern „verteidige sich wer kann“. Es entstehen Szenen vor Ort, die sich in die Köpfe der Zuschauenden einbrennen. Aus einer einfachen Hausfrau wird über Nacht eine Soldatin – ob sie will oder nicht…
Eine Frau mit Kopftuch, vermutlich so alt wie ich, ist auf der Straße. Neben ihr, ihr noch jugendliches Kind. In der Hand hält sie eine schwere Waffe, vermutlich eine Kalashnikov. Einen Kanal weiter, ein ähnliches Bild, von älteren Frauen, vermutlich im Alter meiner Mutter. Wieder mit einer Waffe in der Hand, und dem unaufhaltbaren Willen, sich zu verteidigen.
Frustriert und genervt zappe ich weiter, hin in Richtung öffentlich-rechtliche deutsche Sender. Hier ein ganz anderes Bild: hier hat man zwischen Politsendungen, Trash-TV, Dokumentationen zu Raum und Zeit und Haushaltsratgebersendungen. Wem das alles zu wenig oder uninteressant ist, öffnet sich das Tor der Streamingdienste. Offline geht es uns zum Glück gut, und wir müssen keinen Krieg erleben. Wenn unsere größte Sorge doch immer die abendliche Wahl des richtigen Entertainmentprogramms wäre, denke ich mir.
Dann fällt mir der Spruch geoğrafya kaderdir ein.
Die Redewendung ist aus dem türkischen und ich finde, dass Copilot es an dieser Stelle sehr gut übersetzt: „Es drückt die Idee aus, dass der Ort, an dem ein Mensch geboren wird oder lebt, sein Leben stark prägt – kulturell, wirtschaftlich, politisch und sozial.“
Niemand kann es sich aussuchen, in eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Land oder noch besser, eine perfekte Familie reingeboren zu werden. Wir Menschen haben vieles in der Hand, nur das eben nicht.
Aber genau das ist es, was so entscheidend für unser Schicksal, unseren Werdegang und unser Leben ist. Keinen Einfluss auf das Leben haben, in das man hineingeboren wird. Evolutionsbiologisch richtig blöd gelaufen – theologisch der perfekte Grund, um alles, was einem so im Leben widerfährt auf Gott oder den Teufel zu schieben.
Zurück zum hier und jetzt. Ein paar Zentimeter weiter in der Weltkarte, können Menschen ihr Leben fern von Krieg und Zerstörung (überwiegend) selbstbestimmt leben. Zahlreiche Trash-TV Shows versuchen die Menschen an den anderen Enden der Fernseher zu entertainen. Und Frauen in meinem Alter müssen sich nicht mit der Bedienung einer Kalashnikov bemühen, sondern können sich dem Leben und ihren Hobbies widmen.
Noch einmal wird die Tiefe des oben genannten Spruchs deutlich.
Wir, die Diaspora Kurd:innen, haben da ein „Problem“. Wir leben immer zwischen den Kulturen. Wenn es in Kurdistan Krieg gibt, fühlen und leiden wir mit. Man nennt es auch kollektives kulturelles Bewusstsein. Wir sind empört über das Geschehen wo anders auf der Landkarte, auch wenn es uns hier nicht wirklich betrifft.
Das soll jetzt aber nicht so verstanden werden, dass wir nicht über das Geschehen in Deutschland und Europa informiert sind und es uns egal ist. Im Gegenteil. Diskussionen zur „Lifestyle-Freizeit“, und Krankenquote ärgern uns, genauso, wie unsere deutschen Mitbürger:innen. Den Tod am Bahnmitarbeiter wegen einer Fahrkartenkontrolle heißen auch wir nicht gut. Auch wenn es nicht so aussieht, wir sind integriert und fühlen uns auch als Teil dieses Landes!
Und dennoch… Trotz der räumlichen Trennung schmerzt uns das Herz, wenn wir Nachrichten über den Krieg in Ostkurdistan hören. Gleichzeitig macht uns die Tatsache, dass wir von hier aus nichts bewirken können, derart wütend, dass wir es nicht besser wissen, als auf den Straßen in Europa, Australien und den USA zu demonstrieren.
Als Zeichen der Solidarität haben sich weltweit tausende Frauen (kurdische wie nicht-kurdische) gegenseitig Zöpfe gebunden – medienwirksam natürlich. Die Aktion fand wohl eine beim Spiegel angestellte Person nicht so fein und warf den Kurd:innen überall auf der Welt Propaganda vor. Ernsthaft?, haben wir uns alle gefragt.
Wieder wird einem Mann mehr geglaubt als einer Frau. In diesem Fall behauptete der Mann wenige Tage nach der Veröffentlichung des Videos, dass dieses falsch dargestellt würde. Es handelte sich wohl nicht um echtes Haar oder er wüsste nichts von der Herkunft. BLA BLA BLA! Ein Mann, der dort sozialisiert ist, weiß durchaus, was ein abgetrennter Zopf bedeutet. Vielmehr hat er wohl Angst und Bange, dass man ihn jetzt überall auf der Welt erkennen könnte, und sein Leben nicht mehr so sicher ist. Na wenn das mal nicht blöd gelaufen ist!
Nachtrag: ein aktuelles Foto der beschriebenen Situation konnte ich leider nicht finden. Das Foto aus 2018 und das nachfolgende Video wurde 2019 in der „Deutsche Welle“ veröffentlicht und ist leider nach wie vor aktuell.
Pınar

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