Eine Stunde im Hofgarten

Dieser Text entstand am letzten Aprilwochenende 2026. Vorangegangen war eine Woche mit viel privaten und beruflichen Verpflichtungen und daraus resultierenden Kopfschmerzen.

Laut. Im Kopf und außerhalb. Laut. Es nimmt nicht ab.

Ich gehe in den Hofgarten, und suche dort Ruhe und ein wenig Natur. Blumen und Wiese sollten für den normalen Großstadtmenschen reichen. Es ist eine kleine Druckbetankung von Farben, Gerüchen und dem Geräusch von kleinen summenden Insekten.

Mit mir waren da aber auch ein paar andere Menschen, die denselben Gedanken hatten. Und zu unser aller Überraschung, ist die Ruhe heute nicht gegeben. Wie auch, wenn der Hofgarten an einem Sonntagnachmittag überquillt.

Ausgerechnet heute macht ein junger türkischstämmiger Mann seiner Freundin einen Heiratsantrag. Es sind etwa 100 ZuschauerInnen da. „Nein“ wird sie vermutlich nicht sagen. Irgendwann kommt die Angebetet, eine sehr unscheinbare Frau. Die Musik beginnt zu laufen und fast alle ZuschauerInnen zücken das Handy und nehmen das Spektakel auf.

Dann, als sie „Ja“ sagt, wird es nochmal laut hier. Pfiffe und Applaus von überall. Minuten später ist endlich wieder ein wenig Ruhe eingekehrt.

Erst als es endlich wieder leise wird, merke ich, wie dezent der Flieder über mir riecht. Auf eine Bank unter diesem hatte ich mich vorhin gesetzt, da es sonst kein Plätzchen gab. Es ist, als ob die Ohren die Nase kurzzeitig ausgeschaltet hätten.

Dabei hat der Flieder mehr verdient als ein paar Blicke. Der Geruch war kaum aufdringlich, wie die Farbe, die er hat. Ein helles, dezentes Lila. Ich sage ja… unscheinbar im Aussehen und Geruch. Nur beim zweiten Hinsehen und Riechen erkennt man seine Eleganz.

Während ich da so sitze, den Heiratsantrag verfolge, in mein Buch schreibe, am Geruch des Flieders über mich Freude habe, wechseln sich die BanknachbarInnen fast im 10 Minuten Takt.

Zuerst war da ein älteres Ehepaar, und es störte mich nicht, mich neben sie zu setzen. Und auch sie waren von meiner Anwesenheit nicht gestört.

Als nächstes kam eine dreier Gruppe von Frauen um die 30 Jahre. Sie hatten ziemlich viel Freude beim Zuschauen. Wie denn auch nicht. Da war ja dieses riesige Herz aus künstlichen Rosen mitten im Hofgarten. Für die Fotos und die „Romantik“ wie es sich versteht.

Was sie reden, verstehe ich nicht wirklich. Ich habe mir im Großraumbüro angeeignet, nicht immer alles verstehen zu müssen, was links und rechts von mir geredet wird.

Was mir aber auffällt ist, dass sie echt viel Redebedarf haben. Ausgerechnet neben mir, die an dem Tag nicht viel reden will, setzen sie sich neben mir. Zum Glück sind sie schneller weg, als ich es ertragen kann.

Keine fünf Minuten später setzt sich ein junger Mann, vermutlich in den Zwanzigern, neben mich. Anfangs störte mich seine Anwesenheit nicht. Irgendwann fängt er aber an, zu reden und dabei in meine Richtung zu schauen.

Ruhe habe ich an diesem Tag allenfalls auf den sehr ungemütlichen Stühlen aus Stahl oder welchem Metall auch immer. Da will ich aber nicht sitzen denn unterm Flieder ist es schöner und gemütlicher.

Dann fängt der junge Mann an, Fragen zu stellen. Er lerne Deutsch, und ob ich zufällig einen Brief schreibe. Vermutlich will er Nachhilfe. Ich verneine und halte mich kurz, in der Hoffnung, dass er nicht weiterredet.

Wie naiv von mir. Dann erzählt er, dass er wegen einer Kleinigkeit die Prüfung nicht geschafft hat. Ich versuche ihm zu sagen, dass er es mit Kinderbüchern probieren soll, da das Sprachniveau da nicht so schwer ist. Er versteht was ich meine, geht zum öffentlichen Bücherregal und holt sich ein Kinderbuch heraus. Dann blättert er kurz durch und legt es wieder weg. Er kommt zurück. Ich glaube, das war dann doch nicht das richtige Buch, kann mich aber auch nicht überwinden, ihm bei der Auswahl zu helfen.

Ich schreibe weiter, und er redet weiter. Nach einigen wenigen Sätzen merkt er, dass ich eine Wand aus Beton bin, und steht geknickt auf. Dann setzt er sich ein paar Schritte weiter auf eines der ungemütlichen Stühle.

Der ARME! Er wird nie fertig werden, mit einer Sprache, an der selbst die ein oder anderen MuttersprachlerInnen verzweifeln.

Ich merke, wie das viele Laut in meinem Kopf mich unnötig aggressiv und ungeduldig macht. Ich war viel zu gemein zu diesem Fremden, der jetzt sichtbar geknickt dasitzt, und die Heiratsantrag-Veranstaltung beobachtet. Weiß er, dass ich ihn auch beobachte?

Ja, der Antrag war immer noch nicht vorbei. Jetzt sind Fotos an der Reihe. Unendlich viele Fotos von allen FreundInnen, die dabei waren, mit organisiert haben, zugeschaut haben… Es nimmt kein Ende! Alle müssen heute die beste Version ihrer selbst auf ewig festhalten.

Ich versuche mich wieder auf das Schreiben zu konzentrieren, merke aber, wie mein Blick in Richtung des jungen Mannes schweift.

Das Leben ist nicht nett – zu keinem von uns. In meinem Kopf ist es laut, aber es wird auch nicht ruhiger, wenn es außerhalb lauter wird. Außerhalb vom Kopf LEISE, ist auch nicht wirklich hilfreich. Gibt es eine Mitte? Ich denke nicht.

Dann, wieder zwei neue Gesichter auf „meiner“ Bank. Eine Frau 65+ und ihre Mutter, vermutlich 80+. Sie bringen an diesem Sonntag das Fass zu überlaufen.

Leise und ruhig sprechen sie dahin. Anfangs habe ich nicht zugehört, aber bei bestimmten Schlüsselwörtern höre ich dann doch mal näher hin. So habe ich es mir im Büro angeeignet.

Es fallen Wörter wie Kultur, Einwanderer, Kopftuch, Heimatland. Dann ob das Geld, was sie haben, heute für ein Essen reicht. Nein, eventuell könne man sich ein Bier teilen. Ich höre weiter hin. Sie machen abfällige Witze über den Rocker mit den langen Haaren, und die jungen Damen mit Kopftuch, ein paar Schritte weiter. Das Kopftuch und die Hosen würden nicht zusammenpassen. Ja, denke ich mir, das Kreuz an der Kette ist aber auch omnipräsent. Fällt nur bestimmten Menschen weniger auf.

Ich bin genervt. Sehe ein paar Mal in ihre Richtung, hebe den Kopf vom Schreibbuch ab. Keine Reaktion. Ich frage mich, ob die beiden sich im Klaren sind, dass ich sie verstehen kann.

Da haben sie kaum Geld, um sich ein Essen in einem Restaurant zu leisten. Aber über die Einwanderer, die zufällig auch ins Sozialsystem einzahlen, wird geschimpft, und man macht sich über diese lustig. Geht’s noch? Ich könnte jetzt viele sagen und müsste schon beim Kolonialismus oder noch früher anfangen. Enden tut es, mit jeder Waffenlieferung, die heute und morgen ins Ausland geliefert wird, nicht. Und solange sich Menschen über die guten Aktienkurse von Rheinmetall und Co. freuen, fällt mir auch nicht viel mehr als ein großer Seufzer dazu ein.

Irgendwann kommt meine Schwester und holt mich zum Spazieren ab. Ich bitte sie, sich kurz hinzusetzen. Rede bewusst mal auf Deutsch, mal auf Kurdisch. Ich sage ihr, dass ich das ansprechen möchte, und noch einen Moment brauche.

Dann stehen die Damen auf, und gehen Richtung Bücherregal. Ich stehe ebenfalls auf, und beginne das Gespräch mit „Darf ich Ihnen was sagen“. Dann mache ich kurz darauf aufmerksam, dass ihre Mitmenschen sie verstehen, und sie nicht so braunen shit von sich geben sollten. Die Tochter fängt an sich zu verteidigen, es sei kein brauner shit. Ich sage noch kurz, „oh doch“, drehe mich um, und gehe Spazieren.

Der braune shit ist salonfähig. Es fällt kaum noch auf.

Pınar

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