Die Erinnerungen an ihm verblassten jeden Tag ein bisschen mehr. Vor einem Jahr noch konnte sie ihn sehen, wenn sie ihre Augen schloss. Sie konnte ihn fühlen und sogar der Geruch seines Körpers war noch präsent in ihrer Nase.
Inzwischen war es etwas über zwei Jahre her, dass ihr Mann durch einen Unfall sein Leben verlor. Sie waren beide Mitte dreißig, und eines Abends auf der Rückfahrt von einem Konzert, war er am Steuer eingeschlafen. Für ihn ging es sehr schnell und schmerzlos. Sie dagegen verbrachte einige Wochen im Krankenhaus und das traumatische Erlebnis holte sie noch Monate später im Schlaf ein.
Sie überlebte, er nicht. Und als ob es nicht reichte, dass er verstorben war, nahm er all ihre gemeinsamen Pläne und Hoffnungen mit in den Tod. Daher wehrte sich mit jeder Faser ihres Körpers dagegen, ihn zu vergessen, und klammerte sich an alles, was an ihn erinnerte. An Allem was von ihm blieb hielt sie fest: seiner Kleidung, gemeinsame Erinnerungen, Gegenstände und seine Freunde.
Sie lag im Bett, und starrte auf die Decke. Dann schloss sie die Augen, konnte ihn aber nicht sehen. Nicht sein Gesicht, nicht seinen Körper. Nur in der Ferne so etwas wie eine Silhouette.
Eine Träne schlich langsam aus ihren geschlossenen Augen. Sie war noch nicht so weit, ihn loszulassen. Auch nicht die Erinnerungen an ihn, die gemeinsamen Träume und Hoffnungen. Nicht jetzt schon, flüsterte sie leise vor sich hin. Ein tiefer Seufzer, gefolgt von einer weiteren Träne aus dem anderen Auge, folgten.
Sie wusste, dass sie um ihretwillen loslassen musste, brach es aber nicht übers Herz. Es fühlte sich an, wie ein Verrat an einem geliebten Menschen.
Trotzdem! So konnte es mit ihr nicht weitergehen. Sie ließ sich gehen, äußerlich wie innerlich. Sie kam immer mit einem zerzausten Haarschnitt und unfertigem Outfit in die Arbeit. Sehr zum Leid ihrer Kolleg:innen. Niemand konnte, und wollte mehr zusehen, wie es mit ihr bergab ging.
Dann, eines Tages, als sie an der Bushaltestelle auf einen verspäteten Bus wartete, geschah etwas, das sie wachrüttelte. Nach der Arbeit, am späten Nachmittag wartete sie auf den Bus, der sie nach Hause bringen sollte. Sie war schon wieder in Gedanken, aber der etwa 60 Jahre alte Mann, der neben ihr stand, war es noch weit mehr. Beide standen näher an der Bordsteinkante als zur Gegenwart. Gefährlich nah!
Der Bus fuhr ein, und sie machte gerade noch einen Schritt zurück, um von diesem nicht erfasst zu werden. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mann neben ihr völlig versunken war in seinen Gedanken. Er sah aus, als ob er sehr leiden würde. Reflexartig zog sie ihn am Arm und rettete ihm vermutlich das Leben.
Erst schaute er sie verdutzt an, dann vorwurfsvoll. Wie konnte sie es wagen, ihn zu retten, sagten seine Blicke. „Schauen Sie nicht so! Ich habe Ihnen gerade den Arsch gerettet“, sagte sie laut, damit er den Ernst der Lage verstand.
„Na und wenn schon. Gestern hat mich meine Frau für einen anderen verlassen. Etwas Schlimmeres kann mir nicht passieren“, entgegnete ihr der Mann mit gekränkter Stimme.
„Doch“, sagte sie. „Ich habe meinen Mann verloren, weil er einen Autounfall hatte. Seien Sie dankbar, dass sie noch leben“, schrie sie ihn an.
Auf einmal verstummte sie. Ihre Worte hallten nach. In seinem Verstand, in der Straße, bei den anderen Mitfahrern, die das Ganze beobachtet hatten. Wie die Sirene eines Feuerwehrautos bohrten sie sich überall rein.
Sie schloss kurz die Augen, seine Silhouette war verschwunden. Leise, und ohne ihre Erlaubnis, war er jetzt ganz weg.
Froh sein, am Leben zu sein. Freudentränen rannten ihr diesmal die Wangen hinunter. Es wurde Zeit, dass sie wieder lebte. Sie sah den Mann an, und er wusste nicht, was als nächsten passieren würde. Wieder angeschrien werden?
Sie hätten beide in den Bus einsteigen können, waren aber zu sehr mit sich beschäftigt. Der Bus fuhr gemütlich ab, und beide verpassten ihn.
„Danke“, sagte sie ihm leise, und er verstand die Lage in der er sich befand, immer noch nicht. Dann machte sie sich auf den Weg nach Hause. Zu Fuß. Jeder Schritt und jeder Atemzug fühlten sich auf einmal so lebendig an.
Froh sein, am Leben zu sein. Froh!
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