40 Tage war es nun her, als ihr Vater starb und vor 38 Tagen war die Beerdigung in Tunis. Heute gibt es in Marseille den Totenschmaus zu seinem 40. Todestag.
40 Tage – eine wichtige Zahl in Tunesien und vielen anderen Kulturen. 40 Tage nach der Geburt wird das neugeborene Kind rituell „getauft“. Zohra musste schmunzeln. Oder war ihr bei dem Gedanken an die 40 eher zum Weinen? Sie wusste es nicht genau und ihr Herz und ihre Lippen gingen unterschiedliche Wege und ihre Beine brachten sie, ohne dass sie viel denken musste, die Treppenstufen hinauf ins zweite Obergeschoss des Mehrfamilienhauses.
Die Wohnung ihres Vaters hatten sie und ihre Geschwister seit seiner Beerdigung nicht betreten. Heute Morgen mussten sie es aber tun. Denn… wer sollte die Gäste empfangen, wenn nicht sie?
Seltsamerweise fühlte sich Zohra immer zuständig für die Angelegenheiten ihres Vaters, obwohl auch die anderen beiden Geschwister, Elissa und Nael, da waren, und auch halfen. Mindestens genauso viel wie sie. Dennoch schien es ihr, als ältestes Kind der Familie, so, als ob sie die Bürde der Erstgeborenen nie ablegen durfte. Als Kind nicht, und als erwachsene Frau erst recht nicht.
Ihre Mutter war schon vor drei Jahren gestorben. Es war ein grauer Herbsttag, irgendwann im Oktober. Den genauen Tag wollte sich Zohra nie merken, zu sehr schmerzte es sie, wenn ihr Jahrestag nahte.
Die Wohnung stand heute, zum 40. Todestag des Vaters also leer. Unbewohnt. Nicht einmal die Stimmen ihrer Geister waren zu hören oder der Gegenwart zu spüren. In einer Zeit, in der die Rationalität überhand gewann, waren Geister unerwünscht und der Tod war schnell da um die Seelen der Toten mit sich zu nehmen.
Für die Verstorbenen gab es keine Möglichkeit, noch einmal zurückzukommen, zu sehen, ob noch alles in Ordnung und so war, wie sie es zurückgelassen hatten. Sie konnten sich nicht einmal von ihren Familien verabschieden. Die Zeiten hatten sich geändert, und dies galt auch für die Welt der Toten.
Als Zohra vor der Türe der Wohnung ihrer Eltern stand, hörte sie ihren Bruder Nael hastig reden. Sie hielt einen Moment inne. Nael war der jüngste der drei Kinder. Damals, als sie 10 Jahre alt war, hatte sie ihrer Mutter dabei geholfen, ihn zum 40. Tag nach seiner Geburt zu waschen und zu taufen. Das war vor etwa 40 Jahren. Wie schnell die Zeit vergeht, dachte sie sich, in Melancholie verfallend, immer noch vor der Türe wartend. Sie zögerte immer noch, die Klingel zu betätigen. Es war, als ob etwas sie davon abhielt.
Dann ging auf einmal die Türe auf, Nael und Elissa standen aufgelöst vor ihr. Er hielt einen Stapel Briefe in der Hand. Offensichtlich hatte keines der drei Geschwister den Mut, die leere, verlassene Wohnung der Eltern alleine zu betreten.
„Was ist los?“, fragte sie neugierig und besorgt. Mit ruhiger Stimme versuchte ihr Bruder sie emotional abzuholen. So, dass sie nicht vor Scham und Trauer ihre Haare vom Kopf reißen würde. Das tat sie nämlich immer, wenn sie verzweifelt war. Er wollte ihr diesen Zustand ersparen. Wie Nael keine 40 Sekunden später erfahren sollte, wurde dieser Zustand diesmal tatsächlich vermieden. „Ich habe vorhin die Post geholt und einige Briefe sortiert und aufgemacht. Bevor die Gäste kommen, wollte ich es dir sagen. Es scheint noch einige Erben zu geben. Bitte raste jetzt nicht sofort aus, wir haben nicht viele Informationen.“
Pause. 5. 4. 3. 2. 1
„Sie sind etwa so alt wie wir. Unser Vater hat zwei uneheliche Kinder und sie haben französische Namen.
Stille. 5, 4, 3, 2, 1, 0
Zohras Brust bebte, das Geheimnis war entlüftet, nichts musste mehr verschwiegen werden. „Ich weiß. Vater hat es mir nach Mamas Tod erzählt. Ich sollte stillhalten, bloß nichts erzählen. Niemandes heile Welt ins Wanken bringen. Die letzten drei Jahre waren sehr schlimm für mich. Meine Welt wankte – einmal für mich, und ein weiteres mal für jeden von euch. Anfangs habe ich an meinen Haaren gezogen, sie einzeln und bündelweise herausgerissen. Nach ein paar Tagen habe ich gemerkt, dass damit niemandem geholfen ist, und ich nur mir selbst schade.“ Mit dem letzten Satz nahmen Zohras inneren Stürme auf einmal ein Ende und endlich konnten sich die Sonnenstrahlen in ihrem Herzen durchsetzen.
Dann… Bei allen drei Geschwistern Gezanke, Streit, Wut, Trauer und Liebe in einem Atemzug. Oder auch zwei. Wer weiß schon. Manchmal vergeht die Zeit schneller, manchmal langsamer.
Gerade setzte ihre drei Jahre jüngere Schwester Elissa an zu reden, da klingelte es an der Türe. Die ersten Gäste kamen wohl. Viel zu früh, sie sollten doch erst am Nachmittag kommen! Der Tee war noch gar nicht aufgesetzt, die Wohnung noch nicht gelüftet. Die Hitze des letzten Maitages setzte sich in der Wohnung nieder und die Düfte von Gewürzen, alten Teppichen, getrocknetem Jasmin und Zigarettenrauch verschmolzen ineinander.
Zohra hob verärgert und um Hilfe bittend die Hände in die Luft, Elissa rollte verzweifelt mit den Augen und Nael raufte sich die Haare. Alle Gefühle, die jetzt, in diesem Moment in Worte gefasst und raus mussten, blieben in ihren Mündern und Kehlen stecken. Sie glichen gerösteten Kichererbsen, die alt und trocken waren und weder ausgespuckt, noch heruntergeschluckt werden konnten. Ihre Kehlen wurden zugeschnürt, und jedes Wort, das aus den Tiefen ihrer Seelen heraufklettern wollte, blieb da, wo es war. Die Möglichkeit, an die Oberfläche zu gelangen, wurde ihnen geraubt.
Zögerlich ging die Älteste zur Türe und öffnete diese. Die anderen waren dazu nicht befugt, es war die Last der Ältesten.
Auf der anderen Seite der Türe standen eine Frau und ein Mann mittleren Alters. Französisch. Unwissend vom Totenschmaus zum 40. Todestag. Oder etwa doch?
Starre – Leere – Stille -1; 0; 1; 2; 3; 4; 5;
„Hallo wir sind Jules und Alba. Sind wir hier richtig bei den Mabrouk‘s?“, sagte die Frau auf der anderen Seite der Türe, ebenfalls mit einer zugeschnürten Kehle. Die beiden sahen sichtbar bedrückt aus, nicht wissend, was sie erwarten würde, wenn sie über die Schwelle der Türe gehen würden.
Zohra machte eine Handbewegung und bat die beiden Geschwister, in die Wohnung rein. Es war keine Geste, die man unbekannten Gästen gegenüber verwendete. Jules und Alba waren auf einmal wie vertraute Fremde, und wurden von ihr beinahe herzlich begrüßt.
Dann Erleichterung, Ruhe, Zusammenhalt, Klarheit, Fragen und Antworten. Was nun? Die ersten Gäste würden erst in zwei Stunden kommen. Erst einmal eine rauchen, und vom guten Tibarin Likör gab es auch noch eine ungeöffnete Flasche. Genug für fünf Seelen, die aufeinandertreffen und den Halt im Rausch suchen. Es war, als ob ihr Vater ihn für seine Kinder und speziell für den heutigen Tag aufgehoben hat. Nael fand sie in der hintersten Ecke der Wohnzimmervitrine neben den Fotoalben, die in die Jahre gekommen waren und jenen verborgenen Erinnerungen, die nur für den Vater bestimmt waren.
Vater… Sein Geist blieb 40 Tage in der Wohnung und wartete, um diesen einzigarten Moment zu erleben. Nur war es so, dass der Geist in der langen Zeit und ohne die Anwesenheit von Menschen verstummte und auch nicht gesehen werden konnte. Ihm blieb nichts weiter übrig, als die ganze Zeit über an der Fensterbank im Wohnzimmer zu sitzen, und seine fünf Kinder zu beobachten. Mit einem Lächeln auf dem Mund und einer Träne im Auge; heute, nach 40 Tagen, musste er gehen.
Diese Kurzgeschichte entstand aus aus dem Kurs Kreatives Schreiben der Autorin Katharina Meier mit folgender Schreibanregung: „Erzähle eine Geschichte, in der Zeit und ihr Vergehen spürbar werden.“
Kommentar verfassen